Kirchner-Konvolut von Christian Anton Laely: ein privater Kunstraub?​

Seit 1966 befinden sich 19 Werke von Ernst Ludwig Kirchner aus dem Besitz von Christian Anton Laely im Bündner Kunstmuseum. Das Museum hat Laely 1971/72 dafür die Zahlung einer Leibrente garantiert. Dieses Konvolut hat sich als interessant herausgestellt, da es in ihm möglicherweise um geraubte Kunst geht, ohne (NS-) Raubgut zu sein. Dieser Fall verknüpft auf das engste zeithistorische mit kunsthistorischen Aspekten und ist deshalb für die Forschung besonders wertvoll.

Wer war Christian Anton Laely und wie kam er in den Besitz von 19 Kirchner-Werken? Laely wurde 1913 in Bern geboren. Seine Eltern, Christian und Minna Laely-Bögli, verstarben an Tuberkulose, als der Junge elf Jahre alt war. Er selbst infizierte sich 1932 und kehrte nach längeren Aufenthalten in England und Frankreich nach Davos zurück, um sich auszukurieren. Laely wurde zwischen 1934 und 1938 Schüler von Ernst Ludwig Kirchner. Kirchner erwähnte ihn mehrfach in seiner Korrespondenz, zum Beispiel in einem Brief an Josef Dering vom 8. August 1935, in dem er sich anerkennend über Laelys Talent äusserte: „So habe ich kürzlich hier einen jungen Künstler Läly [sic] mit Namen kennen gelernt, der mir wertvoll scheint und ähnliche Lichtprobleme etc [sic] in der Natur sieht und zu realisieren versucht wie ich.“ „Leider,“ fügte Kirchner hinzu, „ist er sehr krank.“ Kirchner fertigte von Laely auch einige Porträts an.

Kirchner beging im Jahr 1938 Selbstmord und Laely blieb in Kontakt mit Kirchners Lebensgefährtin Erna Schilling, bis diese im Jahr 1945 verstarb. Laely verliess die Schweiz zu Beginn der 1950er-Jahre und lebte offenbar eine Zeitlang in Paris und stellte dort seine (?) Werke aus. In den Jahren 1960/61 ging er auf Weltreise und lebte bis 1966 auf den Bermudas, wo er die „Bermudas Society of Art’s City Hall“ in Hamilton leitete. Offenbar unmittelbar nach seiner Rückkehr in die Schweiz nahm er Kontakt zum Bündner Kunstmuseum auf und verkaufte ihm schliesslich die 19 Werke seines ehemaligen Lehrers gegen die Zahlung einer vererbbaren Leibrente. Bis zu seinem Tod im Jahr 1992 lebte er im französischen Sens.

Die Forschung wurde auf Laely aufmerksam, weil er direkt nach Ende des Zweiten Weltkrieges Hunderte von Kirchner-Werken in seinem Besitz hatte und diese an verschiedene Museen im In- und Ausland veräusserte. Allein in der Staatsgalerie Stuttgart befinden sich über 170 Werke aus seinem Konvolut, zumeist Aquarelle, Zeichnungen, Lithographien, Holzschnitte oder Radierungen. Nach dem Tod von Kirchners Lebensgefährtin Erna Schilling galt der Nachlass als deutscher Vermögenswert, der von den Schweizer Behörden gesperrt wurde. Nach dem sogenannten Washingtoner Abkommen vom 27. Juni 1946 musste er liquidiert und veräussert werden. Laely war nach dem Krieg damit beauftragt worden, den Nachlass Kirchners – und hier zuerst die Papierarbeiten – zu inventarisieren. Damit hatte er die Möglichkeit, sich aus dem grossen Konvolut eine eigene Sammlung zusammenstellen.

In den Sammlungen deutscher Museen und auf dem Kunstmarkt waren Kirchners Werke nach dem Krieg wieder sehr gefragt und gesucht. Um Teile der Sammlung nach Deutschland verkaufen zu können, scheint Laely eine jüdische Provenienz für diese Werke erfunden zu haben – die sogenannte Sammlung Gervais. Es ist eine fiktive Sammlung, die angeblich dem vom Nationalsozialismus verfolgten jüdischen Ehepaar Gervais gehörte, das 1942 entweder von Lyon nach Zürich oder von Zürich nach Lyon – Laely machte hierzu widersprüchliche Angaben – geflohen war. Die Sammlung des Paares sei auf abenteuerliche Weise – mit Booten über den Genfer See – wieder zurück in die Schweiz gelangt. Nichts weist daraufhin, dass es das Ehepaar Gervais oder seine Kunstsammlung jemals gegeben hat.

Bei den 19 Kirchner-Werken im Bündner Kunstmuseum war offenbar nie die Rede von der Sammlung Gervais gewesen. Es handelt sich teils auch um andere Genres: die Sammlung Gervais scheint nur aus Flachware – Drucken und Zeichnungen – zu bestehen, während es bei den 19 Werken in Chur auch grossformatige Ölgemälde gibt. Auch ist in den internen Unterlagen des Museums nie die Rede von der fiktiven Sammlung, weder Laely erwähnte den Namen noch taucht er in den Papieren der Rechtsvertreter auf. Nach wie vor ist deshalb unbekannt, wie er zu diesem Konvolut kam. Waren es Schenkungen von Kirchner oder seiner verwitweten Lebensgefährtin Erna Schilling? Oder hatte sich Laely im Frühjahr 1946 – beim Inventarisieren des Nachlasses im Wildboden – selbst aus der Sammlung bedient, ohne alle Werke der fiktiven Sammlung Gervais zuzuschlagen? Beide Konvolute tragen nicht den offiziellen Nachlass-Stempel. Warum hatte Laely nie versucht, auch diese Werke mit dem Label einer vermeintlich jüdischen Sammlung zu versehen – wie er es bei mehreren Hundert anderen Arbeiten gemacht und dabei offenbar sehr gute Geschäfte gemacht hatte? Laelys Leibrente erbten nach seinem Tod im Jahr 1992 acht entfernte Verwandte und Freunde. Er selbst hatte die Rente offenbar nie anrühren müssen. Der Fall Laely zeigt auch, wie prekär und teils auch unzuverlässig selbst lange Zeit tradierte und geglaubte Angaben zur Provenienz sein können.