Betrachtungen zur Jahresausstellung

von Stephan Kunz

Die Jahresausstellung der Bündner Künstlerinnen und Künstler weckt die Neugier - auch und erst recht, wenn sie hinter verschlossenen Türen stattfindet. Beobachtungen aus dem Innern des Museums gaben während der Schliessung in einer Reihe von Newsletters erste Hinweise.

Ikea gegen den Strich gekehrt
Angesichts der stolzen Zahl der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler würde man eine bunte Mischung in vollen Räumen erwarten. Davon kann aber keine Rede sein: Die Ausstellung ist luftig, die Werke haben viel Raum. Alles aufgeräumt und wohl geordnet? Könnte sein – wäre da nicht die subversive Kraft der Kunst! So hat auch Giro Annen auf- und ausgeräumt. Seine ehemaligen Atelier-Einrichtung hat nun aber ein Recycling der besonderen Art erfahren: Sie wurde in 144 Bauteile zersägt und neu zusammengebaut. Die Türgriffe des ehemaligen Ikea-Schrankes bleiben sichtbar und lassen uns immer wieder schmunzeln. Diese ebenso sperrige wie fragile Skulptur bildet den Auftakt zur Ausstellung und steht als Sinnbild am Anfang unserer Betrachtungen. Im Ausstellungsraum tritt sie in Dialog mit der gemalten Flachen Skulptur von Markus Weggenmann, die sich dem dreidimensionalen Konstrukt selbstbewusst entgegenstellt. Beide haben eine besondere Aura, weil sie so grossartig undefiniert sind. Vielleicht streiten sie sich nun tage- und nächtelang (unter Ausschluss der Öffentlichkeit), wer dereinst die Gunst des Publikums für sich gewinnen wird. Mit vereinter Kraft ziehen sie uns beide in ihren Bann, gerade weil sie so seltsam fremd erscheinen.

Zeichen der Zeit
Wir waren alle neugierig, ob und wie die alles beherrschende Pandemie ihren Niederschlag in der Jahresausstellung finden würde. Doch oft entwickelt die Kunst gerade in Zeiten grosser Restriktion eine überraschende Freiheit. Sie illustriert nicht und kommentiert nicht. Vielleicht hilft sie uns dabei, Ausflüchte zu finden, oder aber sie schafft Gegenwelten, die sich über die bittere Realität erheben und uns animieren, eine eigene Position zu finden: einen Freiraum des Denkens, Fühlens und Handelns.
Während sich Gianin Conrads Warteschlaufe in der weissen Museumswand verliert – der Besuch des Museums kann gefährlich sein! –, vollbringt Chris Hunter als Verwandlungskünstler Orlando seltsame Kapriolen auf dem Dach seines Ateliers, das er im Lockdown nicht mehr verlassen darf. Er führt uns vor, was sich mit den Utensilien des Alltags alles bewerkstelligen lässt – so, wie uns in YouTube-Filmen Fitnessprogramme für das Frühturnen präsentiert werden, nur absurder und deutlich kreativer. Wer die Langeweile so geniesst, hat mehr vom Leben!

War da was?
Manchmal überrascht uns die Realität: Im Frühling 2020 war der Himmel plötzlich frei und man konnte staunen, wie blau er sein kann, wenn die Kondensstreifen der Flugzeuge keine Gitternetze mehr über unseren Köpfen spannen. Es war wieder möglich, den Himmel anders zu beleben: mit Engeln und Ideen. Wenn Heiner Kielholz aus seinem Veltliner Atelier Richtung Bergamasker Alpen schaut, liegt ihm der Blick in die Himmelsbilder der italienischen Kunstgeschichte nahe. Und wenn er im gemalten Himmelsgewölbe über den Alpi Orobie Flugzeuge ihre Linien ziehen lässt, schlägt er die Brücke von klassischen Kunstwerken in die Gegenwart, die so flüchtig ist, wie die Kondensstreifen am Himmel. Aber ohne die Streifen erschiene uns das Bild seltsam fremd. Jeder Zeit ihre Zeichen. Und jeder Zeit ihre Kunst. Heiner Kielholz macht uns mit seinen drei Werken in der Jahresausstellung deutlich, dass Kräfte unser Dasein beleben, die sich tagespolitischen Themen nicht verschliessen, aber ganz anderen Zeitläufen folgen. So treten auf einmal seine Schwalben und Murmeltiere in Dialog mit den Flugzeugen, die über uns schweben. Sie kommen und gehen – ganz wie es die Umstände zulassen. Die Poesie aber, die in diesen Arbeiten liegt, ist zeitlos und unvergänglich. Wer sie erkennt, findet geheime Verbindungslinien zwischen diesen drei so unterschiedlichen Arbeiten.

Sehnsuchtsmotive und Traumbilder
Ein geradezu mystisches Erlebnis bietet sich in einem Ausstellungsraum der Jahresausstellung, in dem eine Videoinstallation von Ursula Palla und drei Fotografien von Ester Vonplon gezeigt werden: Mitten im abgedunkelten Raum liegt eine grosse Kugel, die aussieht wie das erste vor rund 50 Jahren aus dem All aufgenommene Bild der Erde. Nur an einer Stelle kann man ins Innere der Kugel blicken und sieht da als Videoprojektion den unendlichen Gang der Wellen, aus denen einst das Leben entstieg und in die es in näherer oder fernerer Zukunft wohl wieder versinken wird. Die Kugel als Wahrsageobjekt? Der Blick in die Wellen als Sehnsuchtsmotiv? Nicht zufällig haben wir dieser Arbeit von Ursula Palla drei Fotografien von Ester Vonplon gegenübergestellt: Auch sie zeugen davon, wie sich die Elemente mischen und einen Prozess in Gang setzen, der unsere Fantasie beflügelt. Die Fotografien zeigen hier kein Abbild der Wirklichkeit, vielmehr wird diese selbst aktiv: Licht und Luft und Wasser haben auf die Fotopapiere eingewirkt, die Ester Vonplon oft längere Zeit im Aclatobel im Safiental der Natur aussetzte und anschliessend fixierte. Zeitbilder und Traumbilder zwischen Werden und Vergehen. Darin treffen sich die Werke der beiden Künstlerinnen: das bewegte Video-Bild und die fixierten Momente in der Fotografie. Was bleibt, ist flüchtig bis ans Ende aller Tage.

Spiegel unserer Verfassung
Bei den Eingaben zur aktuellen Jahresausstellung fallen verschiedene Arbeiten auf, die sich mit dem Bild des Menschen beschäftigen. Kein Abbild der Realität, keine Reportage, sondern Spiegel unserer körperlichen, seelischen und geistigen Verfassung. Wohltuend frisch und erheiternd beleben Mermaids die fünf Keramiken von Noëmi Pfister. Die Künstlerin dekliniert dreist den klassischen Kanon an Gefässformen und ersetzt die bekannten Bilder antiker Vasenmalerei mit heimlich- unheimlichen Fantasiewesen, "confused by their own magic". Einen Kontrapunkt dazu setzt Andriu Deplazes' Bild Körper und Balustrade. Es zeigt eine Mutter mit Kind auf dem Arm – beide als Verkörperungen eines einzigen Wundmals. Abschreckend und trotzdem von einer berührenden Gegenwärtigkeit, die uns nicht loslässt. Noëmi Pfister (*1991) und Andriu Deplazes (*1993) gehören zu den jüngeren Teilnehmenden der Jahresausstellung. Vielleicht ist gerade in dieser Generation die Sensibilität für die Fragilität des Menschen hoch, aber auch der Sinn für Freud und Leid, die unser Leben bewegen? Der ungenierte Umgang mit unseren Sehnsüchten, Wünschen und Ängsten angesichts der Last der Stunde und gegenüber einer erdrückenden Geschichte erscheint dabei unentbehrlich. Und so begegnen sich die Figuren aus beiden Werken in ein und derselben Welt und führen ein heilsames Gespräch.

Heimtückische Naturbilder
Die Beschäftigung mit der Natur leitet Künstlerinnen und Künstler zu ganz verschiedenen Formulierungen, die sich vom Vorbild lösen und eine eigene Ideenwelt konstituieren. Florio Puenter ist als Fotograf bekannt, der in seinen Arbeiten immer wieder die Geschichte der Fotografie reflektiert. Das offenbart sich auch in der Aufnahme eines ungewöhnlichen Blumenstilllebens, das uns frühe Fotografien des 19. Jahrhunderts in Erinnerung ruft. Damals wollte man im neuen Medium etwas schaffen, das der grossen Tradition der Malerei ebenbürtig ist. Zugleich hat man aber auch berührende Momente der Vergänglichkeit geschaffen. Der Blumenstrauss vom letzten Sommer ist längst verwelkt, lebt aber als Bild in betörender Gegenwärtigkeit weiter.
Das Wechselspiel von Werden, Sein, Vergehen prägt auch die Zeichnungen von Mirko Baselgia: Sie zeigen Tintlinge im Moment ihrer Auflösung, wenn sie die Flüssigkeit frei geben, die der Künstler nützt, um sie im Bild festzuhalten. Sie zerfliessen und entstehen dadurch in der Kunst neu. Dem gegenüber wachsen drei Sprösslinge von Sara Masüger gefährlich in den Ausstellungsraum und wirken in ihrem erspriesslichen Wachstum ganz schön bedrohlich. Das Naturbild erwischt uns also immer wieder auf dem falschen Fuss und konfrontiert uns auch dort, wo es gedeiht und wächst, mit Tod und Vergänglichkeit.

Mäuse im Museum
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was im Museum alles los ist, wenn die Türen geschlossen bleiben? Wenn Tag und Nacht die gleiche Ruhe herrscht? Wenn niemand mehr kommen darf und die Zeit stillsteht? Ob Gabriela Gerber und Lukas Bardill dies vor Augen hatten, als sie ihre Videoinstallation für die Jahresausstellung planten? Im Treppenhaus offenbart sich in wunderbarer Animation das aktive Treiben von 1000 Mäusen, die sich in der Ruhe des geschlossenen Museums eingenistet haben. Sie wecken Hoffnung, dass noch nicht alles Leben aus dem Museum ausgetrieben ist. Ich beobachte sie täglich und freue mich über ihre heimliche Existenz. So ist es mit der Kunst: Sie zeigt sich, wo man sie nicht erwartet, und findet auch im Verborgenen grosse Vitalität. Das zu erleben, haben sich Gabriele Gerber und Lukas Bardill vorgenommen. Die 1000 Mäuse sind voller Lebenskraft. Ihr Überlebenswille und ihr subversiver Geist sind uns ein Vorbild! Nicht nur, wenn das Museum geschlossen ist.

Ein Denk- und Erinnerungsraum
Erinnern Sie sich noch an die spektakuläre Baugrube, die sich 2014 im Zentrum von Chur öffnete? Sie erscheint heute noch einmal in der aktuellen Jahresausstellung in einer panoramaartigen Fotografie von Stephan Schenk. Baufachleute erzählen noch heute stolz von den vielen Ankern, die nötig waren, um die Baugrube zu sichern. Das 18 Meter tiefe Loch hat damals alle fasziniert und es hat die Fantasie beflügelt, was hier getan oder gelassen werden sollte. Wir haben derweilen vom neuen Museum geträumt und erste Pläne geschmiedet.
Die von Stephan Schenk fotografisch festgehaltene Baugrube ist eine Rückblende, die uns nicht nur in die Zeit vor dem Museumsbau zurückversetzt, sondern zugleich auch in Erinnerung ruft, was in den vergangenen fünf Jahren im neuen Bündner Kunstmuseum alles möglich war: die Ausstellungen, die vielen Veranstaltungen und Führungen, die Gespräche, die Begegnungen vor und mit der Kunst... Das möchten wir nicht missen! Die Baugrube lässt uns aber auch nachdenken über ein imaginäres Museum: über ein Museum, das sich in der aktuellen Notlage und vor dem Hintergrund aktueller gesellschafts- und kulturpolitischer Diskussionen neu erfinden muss. Eine Baugrube ist also weit mehr als eine Baugrube und die Fotografie von Stephan Schenk weit mehr als ein eindrückliches Dokument: Sie führt über den konkreten Ort hinaus und zeigt uns einen Denk- und Erinnerungsraum: den Kern eines jeden guten Museums.

DNA der Gegenwart
Die Geschichte erzählt von einem Jüngling, der im Wald spazieren ging, obwohl es ihm verboten war. Da begegnete er eines Tages einem merkwürdigen Tier, halb Wolf (loup), halb Seehund (phoque). Obwohl die Wissenschaft seiner bildhaften Schilderung Glauben schenkte, blieb jede weitere Suche erfolglos: Man hat das scheue und rätselhafte Tier nie mehr gesehen. Seit diesen Ereignissen, die sich im 15. Jahrhundert zugetragen haben, existiert der Begriff "loufoque" für jede Form von Verrücktheit, die einem nicht nur begegnet, wenn man verbotener Weise im Wald spazieren geht.
Venice Spescha verwendet diese Bezeichnung mit dem mythischen Ursprung in der Jahresausstellung für ihre beiden Objekte, denen wir kaum habhaft werden können: Sind es Zeichnungen oder Skulpturen, gehören sie an die Wand oder greifen sie in den Raum? Wer ihren Bahnen mit den Augen folgen möchte, wird verrückt: innen und aussen verkehren sich immer weiter.
Ausgangspunkt dieser Objekte sind in weiches Papier geschnittene Rahmen, die die Künstlerin so lange und so oft in sich verdreht, bis labyrinthische Schlaufengebilde entstehen. Sie erinnern an die grosse Tradition barocker Ornamente und damit an eine künstlerische Haltung, die sich von der klassischen, in sich ruhenden Form absetzt und Gegenbilder dazu entwirft. Diese basieren auf subjektiven Ordnungen und lassen irrationale Kräfte zu, die wir auch in den Schlaufen von Venice Spescha zu erkennen meinen. Bis heute prägen diese Pole von Ordnung und Chaos unser Leben und finden Reflexe in der Kunst. Venice Spescha wählt für Loufoque eine subtile Spielart und zeigt Gebilde, deren komplexe Struktur durchaus einem zeitgemässen Lebensgefühl entsprechen.

Vom Siegeszug der Fotografie
Künstlerinnen und Künstler, die seit längerem "im Geschäft" sind, erzählen, dass die Fotografie bis in die 1980er-Jahre im Bündner Kunstmuseum einen schweren Stand hatte. Auch in der Jahresausstellung suchte man Werke dieses Mediums lange vergeblich, bis es sich mehr und mehr etablierte. Zu den Wegbereitern in Graubünden zählte neben Hans Danuser auch Gaudenz Signorell, der dieses Jahr wieder mit Werken überrascht, die man erst auf den zweiten Blick als Fotografie erkennt. Seine Bilder loten die Grenze zur Malerei aus und eröffnen in der aktuellen Jahresausstellung den Reigen einer vergleichsweise grossen Anzahl fotografischer Werke und ein erfreulich breites Spektrum an Möglichkeiten, mit diesem Medium umzugehen. Von Florio Puenter, Ester Vonplon, Ruben Castro und Stephan Schenk war in früheren Newsletters schon zu lesen. Gerne machen wir hier weiter aufmerksam auf die Foto-Installation von Jules Spinatsch, die wie ein Abgesang auf das WEF erscheint, oder auf Guido Baselgias spektakuläre Direktbelichtungen aus seiner auf dem Berninapass fest installierten Camera obscura. Und auch bei Künstlerinnen wie Annatina Graf, wiedemann/mettler oder Daniel Meuli ist die Fotografie tragender Teil der bildnerischen Recherche. Es lohnt sich also, in der Jahresausstellung die Spur der Fotografie zu verfolgen. Man wird dabei realisieren, wie wichtig dieses Medium in der zeitgenössischen Kunst geworden ist.

Museumsspaziergänge
Es gibt ein kleines, feines Buch des ungarischen Essayisten László Földényi, in dem unter dem Titel Das Schweisstuch der Veronika verschiedene Reflexionen versammelt sind: Museumsspaziergänge nennt Földényi seine Texte. Er nimmt uns mit auf seine Museumsbesuche an ganz verschiedene Orte und lässt uns vor unserem inneren Auge einzelne Kunstwerke und ganze Ausstellungen sehen. Das Buch ist in diesen Wochen der geschlossenen Museen besonders zu empfehlen und tröstet uns mindestens während der Lektüre über vieles hinweg, das wir schmerzlich vermissen. Darüber hinaus regt es unsere Phantasie an, weil wir uns lesend unsere eigenen Vorstellungen machen und in Gedanken reisen können.
Es wäre vermessen zu behaupten, dass unsere Newsletters zur Jahresausstellung Ähnliches im Sinn hatten. Aber wenn wir Ihnen in den vergangenen Wochen einzelne Aspekte der Jahresausstellung nähergebracht haben, so haben diese Informationen vielleicht Ihre Neugier befriedigt. Wir wollten aber auch Ihrer Vorstellungskraft eine Chance geben und Sie animieren, sich anhand der einzelnen Beobachtungen selbst ein Bild dessen zu machen, was Sie im Museum erwartet. Und vielleicht erinnern Sie sich bei Ihrem nächsten Museumsbesuch an das eine oder andere, das Sie hier gelesen haben. Spätestens dann fügt sich alles zu einem grösseren Zusammenhang im realen Ausstellungsraum.